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Noch mehr Möglichkeiten, Farben und Texturen in der Musik anderer Künstler*innen entdecken - Hania Rani über die Arbeit mit dem Portico Quartet

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Noch mehr Möglichkeiten, Farben und Texturen in der Musik anderer Künstler*innen entdecken - Hania Rani über die Arbeit mit dem Portico Quartet

2020 war ein intensives Jahr für Künstler*innen – auch in Polen. Viele arbeiteten hart im Studio, einige versuchten, national oder international zu kooperieren. Hania Rani ist das perfekte Beispiel für die zweite Sorte.

Rani, die 2020 ihr meisterhaftes Album Home veröffentlichte, hörte nicht auf Musik zu machen. Nur einige Monate nach dem Release stellte sie weitere Veröffentlichungen vor. Eine davon war ein Remix.

Ein Remix? Das mag auf den ersten Blick nicht einleuchten – die meisten Hörer*innen kennen Hania Rani vor allem als meisterhafte Pianistin und Komponistin. Aber wer genauer hinschaut weiß: Die polnische Künstlerin ist von elektronischer Musik fasziniert. Im vergangenen Jahr hat sie mehrere Remixe von Songs polnischer und ausländischer Bands produziert – auch für Portico Quartet.

Die britischen Jazzmusiker veröffentlichen auf Gondwana Records – genau wie Rani. Das man als Label-Kolleg*innen zusammenarbeitet, ist keine Überraschung. Überraschend hingegen ist dann jedoch die Tatsache, dass Musiker*innen, in deren kreativem Kosmos die Elektronik eigentlich keine Rolle spielt, genau auf diese Produktionsmittel zurückgreifen, wenn es um neue, andere Versionen geht.

Das Ergebnis? Zwei beeindruckende Remixe, eine perfekte Balance zwischen den musikalischen Wurzeln und der Ästhetik des jeweils anderen Parts. In zwei Songs prallen drei Welten aufeinander -–britischer Jazz, neoklassische Klaviermusik und subtile, ambiente Elektronik.

Wie lief dieser Prozess für Hania ab? Und welche Gefühle hat die Arbeit mit dem Material von Portico Quartet in ihr ausgelöst? Europavox hat sie befragt .

Hubert Grupa: Im vergangenen Jahr hast du mit mehreren ausländischen Künstler*innen zusammengearbeitet, z.B. mit dem deutschen Produzenten Fejka und der britischen Band Portico Quartet. Gab es dabei Unterschiede?

Hania Rani: Beide Projekte waren für mich eine interessante und sehr anspruchsvolle Arbeit, aus verschiedenen Gründen.

Wir  sind sehr unterschiedlich zu Fejka – vor allem unser Musikgeschmack, so dass das gemeinsame Komponieren eines Stückes viele Monate dauerte und wir bis zum letzten Moment hin  und her überlegt haben, welche Version denn nun die richtige ist.

Der Remix für Portico war sowohl eine große Herausforderung als auch Auszeichnung für mich. Die Idee, Remixe von den Songs des jeweils anderen zu erstellen, kam im Frühjahr 2020 auf. Es hat aber lange gedauert, bis ich mich für einen bestimmten Song und die Art und Weise, wie ich ihn angehen würde, entschieden habe. Mir persönlich liegt der Remix für Portico tatsächlich mehr am Herzen – aus ganz privaten Gründen. Ich bin seit langem ein großer Fan. Die Möglichkeit, mit Musikern, zusammenzuarbeiten und zu diskutieren, die ich schon lange bewundere, ist für mich ein wahr gewordener Traum.

 

 
 
 
 
 
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Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Die Idee für die Neubearbeitung kam von Gondwana Records.  Ich war nicht überrascht, dass sie sich entschieden haben, das umzusetzen. Gondwana ist eher eine Familie als eine Firma, in der sich alle stark für ihre Projekte und Erfolge einsetzen – wir motivieren uns gegenseitig. Es gibt nur wenige Musiker*innen und Mitarbeiter*innen, die direkten Kontakt und enge Beziehungen pflegen.  Trotzdem habe ich gemerkt, dass das Portico Quartet eine sehr wählerische Gruppe ist, wenn es um Kooperationen geht – alles wird zunächst en detail analysiert. Umso glücklicher war ich, mit ihnen zu arbeiten.

Wie sah die Zusammenarbeit technisch aus?

Wir haben parallel an unsere Remixen gearbeitet. Der ganze Prozess dauerte mehrere Monate. Ich konnte mich zunächst vor allem nicht für einen Track entscheiden. Schließlich haben wir uns gegenseitig fertige Demos zum Gegenhören geschickt – wir waren alle happy.

Viel mehr Diskussionen gab es bei der Auswahl des Covers. Duncan Bellamy, der Schlagzeuger von Portico, ist auch ein ausgezeichneter Grafiker, der für die meisten Albumcover des Quartetts und anderer Bands verantwortlich ist. Wir beschlossen, dass das Cover auch eine Zusammenarbeit sein sollte. So entschieden wir uns, meine Leidenschaft für analoge Fotografie mit der Vorliebe des Portico Quartet für moderne Grafik zu verbinden. Das ausgewählte Foto ist aus dem Jahr 2017, ich habe es in Island aufgenommen – die Kamera hatte ich mir geliehen. Ich mag die Fotos sehr und war froh, dass genau das auf dem Cover unseres Albums ein neues Leben bekommt.

Was hast du aus dieser Zusammenarbeit gelernt? Was war für dich besonders wertvoll?

Ich muss zugeben, dass einer der interessantesten Momente für mich immer die Möglichkeit ist, die Spuren eines bestimmten Stücks anzuschauen. Das ist ja eigentlich das größte Geheimnis einer Produktion, zu dem auch nur die Autor*innen und Produzent*innen Zugang haben. Natürlich kann man auch einen Remix nur auf basis der Stereo-Summe machen – aber wenn es eine Möglichkeit gibt, tiefer zu gehen, will ich die auch nutzen. Das ist wahrscheinlich die wertvollste Erkenntnis für mich – zu beobachten, wie das Team über ihre Komposition, ihre Struktur, ihr Arrangement und schließlich die Produktion entscheidet. Ich schätze auch den direkten Kontakt mit den Jungs aus der Band. Ich spüre, wie normal sie sind – und gleichzeitig absolut außergewöhnliche Dinge schaffen. Sie sind fasziniert von Musik und versuchen, noch mehr Möglichkeiten, Farben und Texturen in ihr zu entdecken.

Was hältst du vom Portico Quartet? Was gefällt dir am meisten an ihrer Arbeit?

Das Portico Quartet ist seit Jahren eine meiner Lieblingsbands, eine große Inspiration und Autorität auf dem Gebiet der Musik. Es ist schwer, meine eigenen Referenzen auf ihre Arbeit nicht herauszuhören, zum Beispiel bei den Stücken „Tennen“ oder „Zero Hour“ auf meinem aktuellen Album. 2019 habe ich sie mehrmals live gesehen – und ich muss sagen, dass ich in meiner Arbeit oft auf diese Emotionen und Kl  Ihre Musik bedeutet mir viel. Sie ist modern, dabei aber sehr nah dran und voller Gefühle. Die Band hat Klasse – aber eben auch einen gewissen Magnetismus, eine fesselnde Energie, auf Platte und live. Es ist eine ständige Quelle der Inspiration und Motivation für mich.

Was war bei einer solchen Zusammenarbeit für beide Seiten das Wichtigste? Steckt da mehr dahinter, als verschiedene musikalische Perspektiven zu kombinieren und Künstler*innen einem anderen Publikum zu präsentieren?

Das Interessanteste an solchen Projekten – und meiner Meinung nach an der Arbeit an Musik im Allgemeinen – ist der Prozess, neue Lösungen zu finden. Die Fähigkeit, sich von Gewohnheiten und Mustern zu lösen und über sie hinauszugehen, eine andere Struktur, Erzählung, Denkweise anzuwenden. Manchmal ist es auch eine Gelegenheit, Idole besser kennen zu lernen. Es geht um Austausch von Beobachtungen, Erfahrungen, Kommentaren, Hinweisen. Darum, besser zu verstehen, wie die andere Seite arbeitet, denkt und krwativ ist.

Wird diese Kooperation Teil von etwas Neuem, Größerem sein, oder wird es eine einmalige Sache sein?

Das Projekt endet mit einer Vinyl-Edition, aber ich denke, dass diese Zusammenarbeit auf einer so guten und gemeinsamen Energie basierte, dass es in der Zukunft sicher noch etwas anderes geben wird.