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Ein unbesungener emotionaler Schnuller: Eine Reise zurück durch „Time Time“

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Ein unbesungener emotionaler Schnuller: Eine Reise zurück durch „Time Time“

Das Video zu Trei Degetes Single „Time Time“ beginnt damit, dass die drei die passende Kleidung für die Wiederbelebung der frühen Nullerjahre tragen, die inzwischen in die zeitgenössische Mode eingesickert ist. Acid-wash, tief sitzende Jeans, weite Blusen, alles Mögliche aus Leder und randlose, durchsichtige Sonnenbrillen – gut gekleidete, idealisierte Darstellungen der Vergangenheit, die in der Gegenwart existieren. Aber nicht lange, denn in der Manier von Les Visiteurs reisen sie in verschiedene Zeitepochen zurück und bringen die Einheimischen dazu, mit ihnen zu tanzen – alles nur zum Spaß.

Im November stellte sich Squeezie, Frankreichs bekanntester Vlogger, gemeinsam mit dem Plattenproduzenten Myd und dem Komponisten Kronomuzik der Herausforderung, in nur drei Tagen einen erfolgreichen 2000er-Hit zu produzieren. Das Video wurde 8 Millionen Mal angesehen und in den ersten beiden Tagen nach seiner Veröffentlichung 40.000 Mal verkauft – der gesamte Erlös geht an die französische NGO Secours Populaire.

Ihre Hauptinspirationsquelle war das beliebteste Karaoke-Lied in jeder europäischen Kneipe – „Dragostea din Tei“ („Worte der Liebe“) des moldawischen Pop-Trios O-Zone – eine der meistverkauften Singles aller Zeiten. Die Kamera folgt den dreien, wie sie mit halb aufgeknöpften Hemden und überschäumendem Selbstbewusstsein einen imaginären Runway in einem Flugzeug hinunterstolzieren – gleichzeitig cringey und camp.

Textlich gesehen sind beide Tracks in typischer Eurodance-Manier positiv und optimistisch gestimmt. Während O-Zone ihre Liebe zu einer unbekannten Figur beteuern, drücken Trei Degete einfach nur die pure Freude am Verzehr von Wassermelonen aus, eine wahre Proust’sche Madeleine für jeden Rumänen. Synthie-lastige Pop-Beats gleiten über den roboterhaften Sound der Percussion-Patterns, während unterschwellige Four-on-the-Floor-Rhythmen beide Songs untermalen. In den Schwulenclubs der 70er und 80er Jahre war es dieser gleichmäßige Puls, der die Blaupause für Disco und Electronica lieferte, die nun durch die Wiederbelebung (oder die Exhumierung?) bereits bestehender Musikinfrastrukturen ihren Weg zurückgefunden haben. Diese Reanimation führte zum Aufstieg von Künstlern wie Blanks (Niederlande) und Angèle (Belgien), die die fröhlichen Retro-Produktionselemente der 80er Jahre aufgreifen, während Molchat Doma (Weißrussland) zu einem Paradebeispiel für das mit Synthesizern gespickte Post-Punk-Revival wurde, und auch an das Coldwave-Genre erinnert, das Ende der 70er Jahre in Europa aufkam.

Die finanzielle und kulturelle Verpflichtung von Popkünstlern, immer wieder neue Ideen zu entwickeln, führt dazu, dass sie sich zur Vergangenheit hingezogen fühlen, was zum Teil durch die Fähigkeit von TikTok, das Gestern wie das letzte Jahr erscheinen zu lassen, noch verstärkt wird. Der Blick nach vorne scheint im Spätkapitalismus zu unsicher, also kehrt die Popmusik dem modernistischen Imperativ, Neues zu schaffen, den Rücken und wiederholt den Futurismus, der kulturelle Artefakte von vor fast einem halben Jahrhundert kennzeichnete – sehnsüchtige, eskapistische Unterhaltung (Blade Runner, Dune, Star Wars), die sich fliegende Autos wünschte, als die Menschen sich in einer Mischung aus Eifer und Angst eine Welt des Fortschritts mit der Jahrtausendwende ausmalten.

Psychologen sagen, dass es nur natürlich sei, dass wir in Krisenzeiten vor der Nostalgie kapitulieren. Diesmal jedoch beschwört sie einen überwältigenden Schmerz der Ungewissheit darüber herauf, was kommen wird. Angesichts der anhaltenden Gesundheits-, Sozial- und Klimakrise versuchen die Menschen nur noch, von der Zukunft zu träumen, indem sie sich auf die beruhigende Vertrautheit einer Zeit zurückbesinnen, in der die größte Bedrohung nur Staub im Wind war.

Heute tanzen wir also in der Zeit vorwärts, in der Hoffnung, dass wir uns bald auf der Tanzfläche wiedersehen und alle Ängste hinter uns lassen.

*Der Begriff der Nostalgie als emotionaler Schnuller wurde von der Journalistin Danielle Campoamor in ihrem Artikel für die New York Times geprägt.