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Eurosonic 2021

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Eurosonic 2021

Was ein Jahr doch für einen Unterschied macht. Vor zwölf Monaten pilgerte die Musikindustrie in das niederländische Groningen – zum Eurosonic, dem viertägigen Jamboree, das den Ton für das kommende Musikjahr mit betsimmt. Labels, Booker*innen und Agent*innen suchen versteckte Perlen und die nächsten großen Stars, Künstler*innen drängeln sich um Slots auf dem Festival und wollen den best-möglichen Eindruck hinterlassen. Es gibt Bands, denen der Hype bereits in die Karten spielt – andere spielen vor kleinem Publikum. Am Ende träumen alle vom gleichen Erfolg.

Einige dieser Träume wären zweifellos in Erfüllung gegangen – wäre das Eurosonic 2020 nicht eines der letzten großen Festivals überhaupt gewesen. 2020 stand im Zeichen der Pandemie – die Kultur traf es besonders hart. Vor dem Lockdown waren für Künstler*innen Tourneen und Gigs eine der wenigen verlässlichen Einnahmequellen, die es noch gab. 2020 jedoch wurden die Veröffentlichung von Alben verschoben, Songs über das Virus geschrieben und versucht, aus Streaming und virtuellen Konzerten so viel Geld wie möglich herauszuholen.

Doch das Digitale ist oft nur ein Versprechern – meistens ist man nur eine Band, die vor einer Kamera spielt – eine Situation, in der die die Energie von Künstler*innen nur schwer einzufangen ist. Und dennoch ist genau das die Situation, mit der es aktuell umzugehen gilt: Wir hängen vor dem Screen – und klicken uns endlos durch die Tage. Die Show muss weitergehen. Und das tut sie auch – die erste „digitale Ausgabe” von Eurosonic bot voraufgezeichnete 15-Minuten-Sets, die über vier Online-Kanäle gestreamt wurden, alle kostenlos und immer ab 20 Uhr.

Nur wenige Künstler*innen versuchten, mit dieser neuen Situation wirklich kreativ umzugehen – die Überforderung war allerorts zu spüren. „Ich bin wirklich aufgeregt, einige Songs für euch zu spielen”, sagt Holly Humberstone  – direkt in die Kamera. Derweil sitzt sie in einer Kulisse, die einem Wohnzimmer ähnelt. „Ich hoffe, sie gefallen euch.” Es folgen drei reduzierte Stücke – nur Gitarre bzw. Klavier – in einer Performance, die charmant und von Herzen kommt. Das Setting passt perfekt zu ihrem ehrlichen, rauen Pop.

Andere Bands wollen mehr. Das norwegische Trio Orions Belte präsentiert seine Psych-Lounge-Vibes in einem der berühmten Fjorde ihres Heimatlandes – und tragen dabei 80er-Jahre-Sportshorts und Hi-Tops. Denise Chaila setzt hingegen auf oldschoolige Grandezza und tritt in Dublin in der Irish National Opera auf. Die sambisch-irische Künstlerin ist ein Shooting-Star, wird in zahlreichen Playlists gefeiert, und wechselt mühelos zwischen feurigem Rap („Anseo” – „Hier” auf Irisch) und sanftem Neo-Soul („All That”) hin und her – ihr ganz eigener Style macht diese Mischung perfekt.

Genauso positiv empfiehlt sich Alex Gough: Der irische Schlagzeuger, Rapper und Produzent thematisiert in seinen Songs ein frustriertes Aufwachsen – und kombiniert dieses Storytelling mit relaxtem und jazzorientiertem Soul. Es ist eine beeindruckende wie verwirrende Mischung, wenn er hinter dem Schlagzeug sitzt. Gough ist, genau wie Chaila, mehr Dichter als Rapper – mit klaren Kommentaren zur sozialen Situation, gepaart mit cleveren Wortspielen. Reime sind und bleiben große Ideen.

In den letzten Jahren haben sich die „Bedroom-Producer“ einen immer größer werdenden Stellenwert erarbeitet – Musiker*innen, die zu Hause ihren ganz eigenen Style umsetzen: mit Lo-Fi-Synths und Drum-Machines. Das ist effizient – und kreativ! –, lässt sich auf der Bühne jedoch nur schwer umsetzen. Ökonomisch macht diese Produktionstechnik Sinn – sorgt aber auch für eine gewisse Gleichförmigkeit; der Stil eignet sich nicht ohne weiteres für Innovationen.  Schaut man sich jedoch das Lineup an, ist es ermutigend zu beobachten, wie viele neue Bands versuchen, der Gitarre, dem Schlagzeug und dem Bass neue und interessante Dinge zu entlocken.

Eine Band wie Global Charming aus den Niederlanden ist ein gutes Beispiel. Im Festival-Programm als Post-Punk gelistet, geht es beim Sound aber auch um Rock und einer Art von Retro-Indie- Da kann man an Parquet Courts denken – Global Charming verlassen sich dabei aber weniger auf Intensität oder das Affektierte. Einige Songs haben einen deutlich lockeren Vibe, als ob alles durch einen spätnachmittäglichen Dunst gebrochen wird. Weniger Aufregung und Angst, mehr träge Energie.

Das griechische Quartett Deaf Radio bewegt sich derweil am härteren Ende des Spektrums – mit wütenden Riffs und knochentrockenem Wüstenrock. Die Stimme des Frontmanns Panos Gklinos ist mindestens so groß wie die Stücke als solche – und auch mit frischen Ideen wird bei der Band nicht gegeizt. „Animals“ beginnt mit großen, dreckigen Synthesizer-Blasts, die an Nine Inch Nails erinnern, während „Model Society” ein Interlude hat, das ganz nach Foals klingt. Aber am besten ist die Band, wenn sie an die Grenzen ihrer Songs stößt, die Gitarren von Gklinos und Dimitris Sakellariou einen Wirbelsturm entfachen und die Rhythmusgruppe herausfordern, mitzuhalten.

Lautstärke ist wieder eine Tugend,. So scheint es zumindest –  beim Festival gibt es schreienden, dreckigen Punkrock ohne Ende. Das walisische Quartett Buzzard Buzzard Buzzard haben den Hype derzeit auf ihrer Seite. Sie spielen nicht nur laut, sondern sind frech und voller Rock’n’Roll-Allüren – man stelle sich eine Mischung aus The Darkness und Status Quo vor. Der Song „30.000 Megabucks” punktet mit jeder Menge guter Laune, ein Track wie „Crescent Man vs Demolition Dan” hat viel mehr Melodie und Nuancen, als man von einer Band erwarten würde, die sich komplett in Jeans-Stoff kleidet.

Joe & The Shitboys setzen noch einen drauf. Die selbsternannten „Shit-Punker”, die aus der Brutstätte des politischen und augenzwinkernden Punks der Färöer-Inseln stammen – ja, diese Szene gibt es wirklich! – spielen sich wie in Trance durch ein elektrisierendes, hypnotisierendes Set – ohne Rücksicht auf Verluste. „Wir sind bisexuelle Veganer!” brüllt Sänger Fríði; „Shitboys gonna fuck you up / Shitboys gonna suck you off” lautet der Refrain des Openers „Shitboys Theme”. Sie sind wahrscheinlich auch die einzige Band hier, für die 15 Minuten ein guter Slot ist – sie spielen nicht weniger als 14 Songs, darunter die Fan-Favoriten „Drugs R’4 Kidz”, „Life Is Great You Suck” und „If You Believe In Eating Meat Start With Your Dog”.

In Sachen Hardcore kann ihnen die britische Band Chubby and the Gang durchaus die Stirn bieten – mit einer knallharten und pulverisierenden Mischung ist ihr Sound ein echter Schlag ins Gesicht. „Die vitalste neue Punk-Band!” titelte der Guardian Ende letzten Jahres – und diesem Anspruch wird die Band mehr als gerecht. „The Mutt’s Nutts” demonstriert die Power exemplarisch –mit jeder Menge Vollgas und einer einzigen Pause für das süßlich-melodische „Trouble (You Were Always On My Mind)”.

Aber es gibt eine Menge großartiger Bands, die am softeren Ende des Spektrums unterwegs sind – und die österreichische Supergroup My Ugly Clementine ist die beste von allen. Die Songwriterin und Produzentin Sophie Lindinger (bekannt durch Leyya) hat sich Musikerinnen ins Boot geholt, mit denen sie schon immer zusammenarbeiten wollte – Mira Lu Kovacs, Kathrin Kolleritsch und Barbera Jungreithmeier. Das Ergebnis ist wunderbar. Der Opener „Who” ist das schönste Stück Indie-Pop, das es jemals zu hören gab, und ab da wird es nur noch besser. Der Bass hat einen lässigen Groove, die Gitarrenlicks sind fröhlich, und alles hat eine Leichtigkeit, als ob die Songs auf weichen Sommerwolken schweben würden.

 

Acid” des Londoner Duos Jockstrap führt diese Idee noch weiter, eine Vintage-Pop-Ballade, die von Streicher-Samples und elektronischer Zauberei untermauert wird. Georgia Ellery ist eine klassisch ausgebildete Jazz-Geigerin, Taylor Skye hat elektronische Musik und Produktion studiert. Es sind genau diese Kontraste, die ihre gemeinsame Musik befeuern: schwungvolle Balladen mit verzerrter Produktion, sanfter Minimalismus, der oft von Lasersounds oder Synth-Blasts verdrängt wird. An einer Stelle setzt Skye etwas ein, das wie eine Kirchenorgel bei einer Trauerfeier klingt.

Und doch funktioniert es, und zwar prächtig. In vielerlei Hinsicht ist es genau das, was das Eurosonic so großartig macht: vielversprechenden Talenten eine Plattform zu geben, sich für diejenigen einzusetzen, die bislang eher am Rande des Geschehens agieren, und denjenigen, die schon im Hype-Geschehen unterwegs sind, sich zu entfalten. Jockstrap haben es verdient, erfolgreich zu sein; alle der oben genannten haben es. Schade ist dabei, dass niemand persönlich anwesend sein konnte, um diese Acts bei ihren mutigen ersten Schritten zu beobachten, um das alles richtig zu erleben.

„Übertrifft die hochgesteckten Erwartungen” – so heißt es in einer Pressemitteilung nach der Veranstaltung. Und das stimmt bis zu einem gewissen Grad auch . Das Festival hat aus schlechten Voraussetzungen das Beste gemacht. Vor einem Bildschirm zu sitzen und das zu beobachten, erinnert uns daran, wie wichtig Live-Musik ist, wie viel Magie durch die Übertragung über den digitalen Äther verloren gehen kann. Alle Künstler*innen arbeiteten hart, das Beste aus ihren 15-Minuten-Slots herauszuholen. Dabei gab es viel Potential und Talent zu sehen und zu hören. Wir können nur hoffen, dass die Dinge bald wieder zur Normalität zurückkehren, wir uns wieder vor der Bühne drängeln, tanzen und den Bands zusehen können, die ihren Moment nutzen. Nur um zu sagen: „Wir waren dabei.“